Von Bäh zu Yeah: Wie meine Kinder Grünes auf dem Teller lieben lernten


veröffentlicht am 04.04.2025
Ich sehe sie noch genau vor mir: Meine Tochter, anderthalb Jahre alt, sitzt auf dem Hochstuhl, beide Hände voll mit Spinat. Das Lätzchen in Grün getaucht, der Tisch grün getupft wie ein abstraktes Gemälde - und sie? Grinst zufrieden. Klingt so, als wäre der Spinat überall gelandet, nur nicht in ihrem Mund. Tatsächlich war das aber keine Verweigerung, sondern Entdeckungslust. Ich habe sie den Spinat selbst essen lassen - mit den Händen. Hat geklappt. Spinat war bei uns aber auch nie ein Problem. Vielleicht, weil ich ihn als cremigen Rahmspinat serviert habe. Doch zur ganzen Wahrheit gehört auch: Es gibt grüne Gemüsesorten, die nicht so gut bei meinen Kids ankamen. Rosenkohl wurde zum Beispiel sofort aussortiert. Denn für Kinder ist Grünes auf dem Teller oft erstmal eins: verdächtig.

Der Ernstfall auf dem Löffel: Was grünes Gemüse mit dem Überlebensinstinkt zu tun hat
Kinder lehnen grünes Essen nicht aus Trotz ab. Es ist vielmehr eine Art eingebauter Selbstschutz, ein angeborener Instinkt. Grünes Gemüse schmeckt oft bitter und dieser bittere Geschmack ist für sie wie ein Warnsignal: „Achtung, da stimmt was nicht!" Ziemlich clever eigentlich. Denn: Bitter kann in der Natur auch ungenießbar oder sogar giftig bedeuten. Das beste Beispiel dafür ist Zucchini. Wenn eine Zucchini bitter schmeckt, ist das eine Warnung. Man sollte sie auf gar keinen Fall essen.
Wir sollten den Instinkt unserer Kinder nicht kleinreden, sondern ihnen die Möglichkeit geben, grünes Gemüse besser kennenzulernen. Vertrauen aufzubauen. Wir sollten ihnen zeigen, wann bitter wirklich eine Warnung ist und wann man bittere Speisen bedenkenlos essen kann. Was wir dabei immer im Hinterkopf haben sollten: Kinder nehmen die bitteren Aromen viel intensiver wahr, weil sie 10.000 Geschmacksnerven besitzen. Wenn für uns Erwachsene Brokkoli oder Rosenkohl leicht herb schmeckt, weil wir nur noch 3000 bis 5000 Geschmacksnerven besitzen, ist es für unsere Kinder meist: echt bitter.
Grünes Licht für Grüne Soße: Wie ständige Wiederholung für Vertrauen sorgt
Meine Jungs sind in der Nähe von Darmstadt in die Kita gegangen. Das Rhein-Main-Gebiet ist die Hochburg der Grünen Soße. Und die gab es auch in der Kita regelmäßig: mit Kartoffeln und hartgekochten Eiern. Weil es dort alle Kinder gegessen haben und sie damit aufgewachsen sind, war es für sie etwas Vertrautes. Kinder müssen grünes Gemüse nicht beim ersten Mal lieben. Oft reicht es, wenn sie es immer wieder sehen. Wenn wir Eltern ihnen zeigen, dass man es essen kann. Irgendwann greifen sie dann von alleine zu.
Was auch helfen kann: Das Grünzeug erlebbar machen. Zum Beispiel mit einer Kräuterwanderung. Die haben wir mit unseren drei Kindern gemacht und sie kam richtig gut an. Riechen, pflücken, fühlen und probieren die Kleinen etwas, bekommen sie eine Verbindung dazu. Aus etwas Gruseligem kann so etwas Genießbares werden. Wir liefen bei der Kräuterwanderung durch Wälder und über Wiesen, haben frischen Bärlauch zwischen den Fingern zerrieben und daran gerochen und Hirtentäschel entdeckt. Am Ende lernten die Kinder, wie man „Kräuterpralinen” zubereitet - aus Frischkäse und klein gehackten Wildkräutern formten sie kleine Kugeln. Mein ältester Sohn bereitet sie heute noch gerne mal für uns alle zu.
Zurück zu den Wurzeln: Wie bei Selbstangebautem das Vertrauen wächst
Ein weiteres grünes Wunder bei uns: das Gewächshaus im Garten. Jedes Frühjahr setzen wir dort kleine Salatpflanzen wie Radicchio und Frisée ein - gekauft beim Gärtner meines Vertrauens. Die Kinder helfen bei der Gartenarbeit. Denn: Wer selbst pflanzt, gießt und erntet, baut automatisch eine Beziehung zu den Nahrungsmitteln auf.
Der beste Teil ist für meine Kids: das Ernten und Probieren. Frisch, knackig, kurzer Anreiseweg - der Salat ist kein Vergleich zur Supermarktversion. Unseren selbst angebauten und gepflückten Salat gibt es bei uns gerne mal als Salatbuffet. Salatblätter, Tomaten, Gurken, Kräuter wie Petersilie und Schnittlauch und alle anderen Zutaten werden einzeln in Schüsseln auf den Tisch gestellt. Dann kann sich jeder seinen eigenen Salat zusammenstellen. Was ich bei meinen Kindern beobachtet habe: Mit der Zeit wurden sie immer mutiger, bei der Wahl ihrer Zutaten. Irgendwann haben sie sich sogar klein geschnippelte Kräuter über den Salat gestreut - vielleicht auch, weil sie es immer wieder bei mir gesehen haben?

Petersilie als Party-Crasher: Warum Kinder kein Essen mit Kräuterfitzelchen obendrauf wollen
Denn Kräuterfitzelchen sind ein Thema für sich. Falls du dich schon immer mal gefragt hast, warum du hier sehr selten Rezeptfotos mit Kräutergarnitur findest: Weil ich es fast nie so serviere. Denn Kinder erkennen nicht, was das ist - und wollen dann das ganze Gericht nicht essen. Deshalb ist es wichtig, Kräuter immer extra in einer kleinen Schüssel auf den Tisch zu stellen. Wenn sich die Kinder selbst etwas davon nehmen: fein. Wenn nicht: auch gut.
Übrigens: Wir Erwachsenen könnten uns ruhig auch wieder mehr vertraut machen mit richtig bitterem Gemüse. Unsere Supermarktware ist oft glattgebügelt - nicht nur optisch, sondern vor allem geschmacklich. Bitterstoffe werden oft rausgezüchtet. Dabei sind sie gesund!
Wir brauchen Bitterstoffe. Sie sind wichtig für unsere Darmgesundheit, sie können unser Immunsystem stärken und Heißhunger-Attacken auf Süßes reduzieren. Wie wäre es zum Beispiel mit einem italienischen Nudelsalat mit Rucola? Oder mit einem Chicorée-Salat mit Mandarinen? Oder einem Tee? Ich trinke gerne mal einen Bittertee aus Sorten wie aus Brennnessel oder Löwenzahn. Zum Beispiel jetzt gerade, während ich diese Zeilen für dich schreibe.
Lehnen deine Kinder grünes Gemüse oder Kräuter auf dem Essen ab? Und wenn ja: Wie gehst du damit um? Oder sind deine Kids und Grünzeug schon Freunde geworden? Ich freue mich auf deine Erfahrungen.
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Leserkommentare
Kommentare
Liebe Jenny, während ich deine Zeilen lese, zieht in der Küche tatsächlich mein Brennnesseltee. Und du sprichst mir aus dem Herzen. Was hatten wir schon für Dramen am Tisch wegen eines Fitzelchens Lauch in der Suppe oder Schnittlauch auf den Käsespätzle im Restaurant, die unberührt gebliebenen sind. Wir tasten uns immer noch langsam an grünes Gemüse heran. Brokkoli geht zum Bespiel immer und natürlich Gurke. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und werde Salat jetzt auch mit der Schüsselchenmethode anbieten. Ich bin gespannt, ob mein Sohn jemals Schnittlauch und Rosenkohl essen wird. Danke für deine Tipps und ein sonniges Wochenende.

Sehr gern, liebe Caro. Ich freue mich sehr, dass du deine Erfahrung auch mit uns teilst. Ich wünsche dir ebenfalls ein tolles Wochenende. Herzliche Grüße, Jenny